Kinder und Jugendliche: Problematische Mediennutzung nimmt weiter zu

Knapp ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland zeigt ein riskantes Nutzungsverhalten von sozialen Medien. Das ist das aktuelle Ergebnis einer Längsschnittstudie der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Etwa 1,3 Millionen Mädchen und Jungen bewegen sich demnach in einem gefährlichen Nutzungsbereich – dreimal so viele wie noch 2019.

Der Analyse zufolge verbringen Kinder und Jugendliche an einem Wochentag durchschnittlich 150 Minuten in sozialen Netzwerken. 2019 waren es 123 Minuten. Am Wochenende sind es mit 224 Minuten sogar mehr als dreieinhalb Stunden – gegenüber 191 Minuten im Jahr 2019.

Der Untersuchung zufolge berichten Mädchen und Jungen mit einer problematischen Social-Media-Nutzung auch häufiger von depressiven Symptomen, mehr Ängsten und einem höheren Stresslevel als unauffällige Nutzerinnen und Nutzer. Gleichzeitig fehlten ihnen Regulierungsstrategien, um mit den negativen Emotionen und Stress umzugehen. „Es beginnt ein Teufelskreis, erläuterte Prof. Dr. Rainer Thomasius, Studienleiter und Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE: „Psychisch belastete Jugendliche neigen oftmals vermehrt zu problematischem Nutzungsverhalten bei sozialen Medien. Gleichzeitig führt die übermäßige Nutzung jedoch zu neuen Problemen und erhöhten psychischen Belastungen.“ Persönliche, familiäre und schulische Ziele träten in den Hintergrund und alterstypische Entwicklungsaufgaben würden nicht angemessen gelöst.

Insgesamt einig waren sich die Fachleute darüber, dass die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, aber auch die der Eltern gefördert werden müsse. Zudem könne ein Mediensuchtscreening in kinder- und jugendärztlichen Praxen dabei unterstützen, eine riskante Nutzung von Computerspielen und Social Media frühzeitig zu erkennen.

Quelle: Ärzteblatt PP 23, Ausgabe März 2024

Frühgeburt erhöht nicht das Autismus-Risiko

Der Zusammenhang zwischen Frühgeburt und Autismus gilt als umstritten. Eine israelische Langzeitstudie zeigt, dass Frühgeburtlichkeit sich nicht auf das Risiko einer Autismus-Spektrum-Störung beim Kind auswirkt.

Frühgeborene tragen generell ein erhöhtes Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen, zu denen auch die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zählt. Dr. Sapir Ellouk von der renommierten Soroka Universitätsklinik und ihr Team untersuchten im Rahmen einer bevölkerungsbasierten Langzeitstudie, inwieweit eine Frühgeburt zur ASS-Diagnose beiträgt.

Hierzu analysierte das Forscherteam die Daten zu 139.859 Schwangerschaften aus den Jahren 2005 bis 2017. Basierend auf dem Geburtszeitraum suchten die Forschenden mit verschiedenen statistischen Methoden nach auffälligen Häufungen von ASS-Diagnosen bei Kindern, die früh frühgeboren (vor der 34. Woche), spät frühgeboren (34.–37. Woche) oder zum Termin geboren (37. –42. Woche) wurden.

Autismus tritt unabhängig von Frühgeburtlichkeit gleich häufig auf

Signifikante Unterschiede im Zusammenhang mit früher oder später Frühgeburtlichkeit fand das Forscherteam nicht. Auch die Anpassungen an ethnische Zugehörigkeit, Alter der Mutter, Geschlecht des Kindes und Mangelgeburt (zu klein/leicht für Schwangerschaftswoche) beförderten keine signifikanten Unterschiede zutage zwischen Frühgeborenen und zum Termin Geborenen.

Das Forscherteam geht daher davon, dass es keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen Frühgeburt und der Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung gibt.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 12.04.2024

Rauchrückstände in der Wohnumgebung können Kindern schaden

Forscher*innen testeten die Oberflächen in Raucherhaushalten, in denen Kinder leben, und fanden beunruhigende Ergebnisse.

Amerikanische Wissenschaftler*innen untersuchten, ob in Wohnräumen, in denen Raucher*innen leben, giftige Tabaknebenprodukte (Thirdhand Smoke) auf Oberflächen wie Möbeln, Wänden und Böden zurückbleiben.
Sie kamen zu besorgniserregenden Ergebnissen, erklärte Ass.-Prof. Dr. Ashley Merianos von der University of Cincinnati, die die Studie leitete. Sie und ihre Kolleg*innen fanden Nikotin auf Oberflächen in allen Wohnräumen und stellten in fast der Hälfte der Häuser das Vorhandensein eines tabakspezifischen Karzinogens (NNK: Nicotine-derived nitrosamine ketone) fest. NNK ist eines der wichtigsten tabakspezifischen Nitrosamine, die aus Nikotin entstehen. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Krebsentstehung.

Die Studie berichtete, dass die NNK-Werte auf Oberflächen und aufgesaugtem Staub ähnlich waren, was laut Merianos darauf hindeutet, dass Oberflächen und Staub Quellen für den Kontakt mit Thirdhand Smoke für Kinder sein könnten.
„Dies ist von entscheidender Bedeutung und besorgniserregend, da NNK als das stärkste Karzinogen für durch Tabak verursachte Krebsarten gilt“, verdeutlichte Merianos.

Weitere Erkenntnisse sind:

  • Bei Kindern, die in einkommensschwächeren Haushalten lebten, wurden höhere NNK- und Nikotinwerte auf Oberflächen in den Wohnräumen festgestellt.
  • Bei Kindern, die in Haushalten lebten, in denen das Rauchen in Innenräumen nicht verboten war, wurden auf Oberflächen höhere NNK- und Nikotinwerte ermittelt.

Merianos sagte, dass NNK und Nikotin immer noch in Häusern mit freiwilligem Rauchverbot in Innenräumen (wo z.B. nur auf dem Balkon geraucht wurde) nachgewiesen wurden. „Diese Untersuchung zeigt, dass Rauchverbote zu Hause Kinder und ihre Familien nicht vollständig vor den Gefahren des Tabaks schützen“, fügte sie hinzu.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 20.03.2024

Neue Erkenntnisse zur menschlichen Gehirnentwicklung: Forschende identifizieren geschlechtsspezifische Unterschiede

Forschende des Universitätsklinikums Tübingen haben gemeinsam mit internationalen Forschungspartnern aufschlussreiche Erkenntnisse gewonnen: Die neuronale Komplexität der Gehirnaktivität verändert sich vom späten Stadium der Schwangerschaft bis in die frühe Kindheit anders als erwartet und zudem mit geschlechtsspezifischen Unterschieden.

Bereits in den frühen Phasen des Lebens zeigen sich je nach Entwicklungsstadium signifikante Unterschiede in der Art und Weise, wie das Gehirn Signale und Informationen aufnimmt und verarbeitet. Eine gestörte Entwicklung kann dauerhafte Folgen haben und zu psychischen Erkrankungen führen.

In der internationalen Studie hat das Team untersucht, wie das menschliche Gehirn auf äußere Reize, wie beispielsweise Tonsequenzen, reagiert, sowohl vor als auch nach der Geburt. Gemessen werden konnten die Reaktionen des Gehirns mit der fetalen Magnetenzephalographie (fMEG), die nicht-invasiv an der Oberfläche des Bauches der Mutter die Gehirnaktivität schon im Mutterleib misst. Die Sensoren befinden sich unter einer Messschale, die optimal an die Form des mütterlichen Bauches angepasst ist. „Sensorische Stimulation bietet uns eine einzigartige Möglichkeit, zu beobachten, wie junge Gehirne Informationen von außen verarbeiten. Und das auf eine vollkommen sichere Weise“, erklärte Prof. Dr. Hubert Preissl vom fMEG-Zentrum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und metabolische Erkrankungen des Helmholtz Zentrums München.

Erkrankungen frühzeitig erkennen und therapieren

Die Hypothese der Forschenden: Je weiter sich das Gehirn entwickelt, desto komplexer sind die neuronalen Reaktionen auf Reize von außen. Überraschenderweise zeigen die Ergebnisse, dass die Komplexität der neuronalen Antworten abnimmt, und zwar in geschlechtsspezifisch unterschiedlichem Tempo. Diese Unterschiede könnten Aufschluss darüber geben, warum bestimmte Entwicklungsstörungen bei Jungen und Mädchen in unterschiedlicher Häufigkeit auftreten. „Zunächst war ich ziemlich überrascht“, gab Dr. Joel Frohlich vom Institut für Neuromodulation und Neurotechnologie zu. „Instinktiv hatte ich angenommen, dass mit der Reifung des Gehirns auch seine Aktivität komplexer werden würde.“ Jedoch erscheint es sinnvoll, dass reifende Gehirnverbindungen auf externe Reize mit strukturierteren Mustern reagieren. Ein entwickelteres Gehirn ist also geordneter und hat dadurch weniger Möglichkeiten, auf denselben Reiz in unterschiedlicher Weise zu reagieren.

Das Forscherteam aus Tübingen plant, den Zusammenhang zwischen den beobachteten Gehirnmustern und der langfristigen psychischen Gesundheit weiter zu erforschen. „Je früher wir das Risiko für die Entwicklung neuropsychiatrischer und metabolischer Störungen identifizieren, desto effektiver können wir die Gehirnentwicklung unterstützen, um schwerwiegende Krankheitsverläufe zu verhindern“, verdeutlichte Prof. Dr. Alireza Gharabaghi vom Institut für Neuromodulation und Neurotechnologie. Diese Erkenntnisse könnten den Weg für zukünftige präventive Maßnahmen und Behandlungsstrategien ebnen, die das Forschungsteam auch im Rahmen des Zentrums für Bionic Intelligence und des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit erforscht. An der Studie wesentlich beteiligt waren Dr. Joel Frohlich, Dr. Julia Moser, Dr. Katrin Sippel, Dr. Pedro Mediano, Prof. Dr. Hubert Preissl und Prof. Dr. Alireza Gharabaghi vom Tübinger Institut für Neuromodulation und Neurotechnologie.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 15.03.2024

Gehirnerschütterungen können Risiko für psychische Störungen erhöhen

Laut einer in „Pediatrics“ veröffentlichten Studie kann ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma bzw. eine Gehirnerschütterung das Risiko für affektive und Verhaltensstörungen bei Kindern erhöhen. Die Gefahr, dass in der Folge eine affektive Störung diagnostiziert wird, nimmt demnach um 25% zu, und für eine posttraumatische depressive Störung um 17%.

Dr. Richard Delmonico, PhD, Direktor für Neuropsychologie am Kaiser Foundation Rehabilitation Center in Vallejo, Kalifornien, und seine Kolleg*innen identifizierten Patient*innen im Alter von 17 Jahren oder jünger, die zwischen 2011 und 2014 im Kaiser Permanente-Gesundheitssystem wegen einer Gehirnerschütterung untersucht wurden. Alle anderen Patient*innen im Kaiser Permanente-Gesundheitssystem aus dieser Zeit in diesem Alter zogen sie als Vergleichspatient*innen heran.

„Wir haben […] das Auftreten neuer psychischer Störungen nach einer Gehirnerschütterung untersucht, um die Entwicklung von Stimmungs- und Verhaltensstörungen bei jungen Menschen nach einer Gehirnerschütterung mit nicht verletzten Kontrollpersonen zu vergleichen“, erklärte Dr. Brian Theodore, PhD, Forschungswissenschaftler im Rehabilitationszentrum der Kaiser Foundation.

Insgesamt werteten sie die elektronischen Gesundheitsakten von 18.917 Kindern aus und untersuchten die Gruppen, bei denen psychische Probleme innerhalb von vier Jahren nach dem Vorfall auftraten.
Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, dass bei Patient*innen nach einer Gehirnerschütterung eine affektive Störung diagnostiziert wurde, zu der Depression, Angstzustände, posttraumatische Belastungsstörungen und akuter Stress gehörten, war um 25 % höher.

Im Alter von 10 bis 13 Jahren sind Heranwachsende anscheinend besonders anfällig

Posttraumatische depressive Störungen waren bei Patient*innen nach einer Gehirnerschütterung um 17% wahrscheinlicher, insbesondere bei Kindern im Alter von 10 bis 13 Jahren. Bei ihnen war die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb von zwei Jahren eine Depression diagnostiziert wurde, um über 40% höher im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen. Bei Angststörungen war die Wahrscheinlichkeit, dass jungen Menschen nach einer Gehirnerschütterung diese entwickelten, um 14% höher. Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren hatten ein noch höheres Risiko, wobei die Wahrscheinlichkeit, zwei Jahre nach der Verletzung eine Angststörung zu entwickeln, um 42% höher war.

„Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von regelmäßigen Nachuntersuchungen bezüglich affektiver Störungen und Verhaltensstörungen bei Kindern mindestens zwei Jahre nach einer Gehirnerschütterung“, verdeutlichte Delmonico.
Die Autor*innen kamen zu dem Schluss, dass bei Kindern nach einer Gehirnerschütterung ein erhöhtes Risiko besteht, psychische und verhaltensbezogene Gesundheitsprobleme zu entwickeln, insbesondere bei Kindern im Alter von 10 bis 13 Jahren, bei denen das Risiko für die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen und Anpassungsstörungen am höchsten ist.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 11.03.2024

Häufige Beweggründe für Drogeneinnahme bei Jugendlichen: Neugier und Wunsch nach Entspannung

Das Streben nach Entspannung sowie Experimentieren mit Neuem sind die häufigsten Gründe für den Substanzkonsum bei Jugendlichen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung amerikanischer Jugendlicher, die sich aufgrund einer Drogensucht in Behandlung befanden.

Der Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR) des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) veröffentlichte die Ergebnisse einer Umfrage unter Jugendlichen mit Suchtproblemen. Den Autor*innen zufolge führten sie die Befragung durch, da der Konsum von Drogen typischerweise im Jugendalter beginnt. Ziel war es, die Beweggründe dafür zu finden, warum Jugendliche zu Suchtmitteln greifen. Mithilfe der daraus gewonnenen Erkenntnisse hoffen die Forscher*innen, Strategien zur Prävention erarbeiten zu können.

Die Teilnehmer*innen befanden sich im Alter von 13 bis 18 Jahren. Vom 1. Januar 2014 bis zum 28. September 2022 wurden Jugendliche zu ihrem Konsum von Marihuana, Alkohol oder anderen Drogen in den letzten 30 Tagen interviewt.

Folgende Suchtmittel wurden erfasst:

  • Alkohol
  • Marihuana
  • Haschisch oder Tetrahydrocannabinol (THC)
  • Andere Drogen als Alkohol oder Marihuana und deren Missbrauch
  • Verschreibungspflichtige Schmerzmittel
  • Verschreibungspflichtige Stimulanzien
  • Verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel

Für jede der 6 Kategorien sollten Jugendliche angeben, warum sie dazu gegriffen hatten. Sie konnten unter 15 Antwortmöglichkeiten auswählen. Die Befragten wurden gebeten, alle zutreffenden Antworten anzukreuzen.
84% der Teilnehmenden konsumierten Marihuana, gefolgt von Alkohol (49% der Befragten). Über 20% der Jugendlichen gaben an, nicht verschreibungspflichtiger Medikamente einzunehmen, wobei Schmerzmittel am häufigsten genannt wurden (13%), gefolgt von verschreibungspflichtigen Beruhigungsmitteln (11%) und verschreibungspflichtigen Stimulanzien (9%).

Sich ruhig oder entspannt zu fühlen waren die am häufigsten genannten Gründe für den Substanzkonsum (73%). Die Hälfte der Teilnehmer*innen gab an, dass sie Substanzen konsumierten, um Spaß zu haben oder zu experimentieren, 44% gaben an, dass sie Suchtmittel konsumierten, um einzuschlafen oder besser zu schlafen, und 44% berichteten, dass sie Substanzen konsumierten, um sich keine Sorgen mehr zu haben oder schlechte Erinnerungen zu vergessen.
„Etwas weniger Langweiliges“ zu machen, wurde von 41% der Proband*innen als Grund für den Substanzkonsum angegeben, und 40% erklärten, dass die Mittel ihnen bei Depressionen oder Angstzuständen helfen würden.
Den Ergebnissen zufolge wurden die Drogen am häufigsten zusammen mit Freunden eingenommen. Diese Auskunft erteilten 81% der Heranwachsenden. Nur 17% nahmen die Suchtmittel demnach mit „jemand anderem“ ein.

Überdosierung bei Beteiligten selten erkannt

MMWR gibt an, dass etwa 70% der tödlichen Überdosierungen bei Jugendlichen in Anwesenheit von jemanden auftreten, obwohl in den meisten Fällen keine Reaktion der Unbeteiligten dokumentiert ist.
„Todesfälle durch Überdosierung können durch eine auf Jugendliche zugeschnittene Aufklärung verhindert werden. Sie sollen Anzeichen einer Überdosierung besser erkennen und wissen, wie sie reagieren sollten […]“, erklärten die Studienautoren.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 06.03.2024

Selbst nikotinfreie E-Zigaretten können das Lungengewebe schädigen

E-Zigaretten werden oft als weniger schädliche Alternative zum Rauchen vermarktet, doch eine neue Studie stellt dies infrage – auch bei E-Zigaretten, die kein Nikotin enthalten.

Forscherinnen der Anglia Ruskin University (Großbritannien) untersuchten im Labor genau, wie eine gängige Marke nikotinfreier E-Zigaretten auf Zellen des Lungengewebes beim Menschen wirkte, und stellten fest, dass auch hier oxidativer Stress auftrat.

Oxidativer Stress entsteht, wenn die natürliche Reaktion der Zellen auf Sauerstoff aus dem Gleichgewicht gerät, was zu Fehlfunktionen und Schädigung der Zellen führt. Zugleich beobachteten die Wissenschaftler*innen verstärk auftretende Entzündungsreaktionen und Beeinträchtigungen der Funktion der Blutgefäße– eine Kombination, die oft mit Verletzungen im Lungengewebe einhergeht.

„Nikotinfreies E-Zigaretten-Fluid hat nachweislich die gleiche chemische Zusammensetzung wie nikotinhaltiges Fluid, außer dass es kein Nikotin enthält“, verdeutlichte die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Havovi Chichger von der Anglia Ruskin University.

Lungengewebe und Blutgefäße betroffen

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Exposition gegenüber nikotinfreier Vape-Flüssigkeit ähnliche negative und entzündungsfördernde Wirkungen auf menschliche mikrovaskuläre Endothelzellen [kleinste Gefäße] hat.“
Durch den Vergleich nikotinfreier Produkte mit E-Zigaretten der gleichen Marke, die tatsächlich Nikotin enthielten, stellten die Forscher*innen fest, dass das Fehlen von Nikotin die E-Zigaretten nicht unbedingt wesentlich besser für das Lungengewebe macht.

In den Zellen, die nikotinfreier E-Zigaretten-Flüssigkeit ausgesetzt waren, fand das Team eine ungewöhnliche Häufung eines bestimmten Proteins namens ARF6, das im Labor für die Schädigung des Lungengewebes verantwortlich zu sein schien.

Dieses Protein wurde in der Vergangenheit nicht mit Rauchen oder Lungenverletzungen in Verbindung gebracht. Es ist jedoch bekannt, dass es dafür sorgt, dass die Blutgefäße des Körpers ordnungsgemäß funktionieren.
„Weitere Untersuchungen sind von entscheidender Bedeutung, um den Zusammenhang zwischen dem ‚Dampfen‘ nikotinfreier E-Zigaretten und möglichen Lungenschäden in den kommenden Jahren zu ermitteln“, betonte Chichger.
Die Expertinnen gaben an, dass sie besonders daran interessiert seien, wie E-Zigaretten das Risiko für das akute Atemnotsyndrom (ARDS: Acute Respiratory Distress Syndrome) erhöhten, ein Problem, das häufig bei Rauchern auftritt und durch Schäden an Blutgefäßen in der Lunge verursacht wird.

Eine kürzlich durchgeführte Studie, in der auch E-Zigaretten ohne Nikotin verwendet wurden, hat gezeigt, dass bereits der einmalige Konsum einer E-Zigarette Auswirkungen auf die Blutgefäße und den Blutkreislauf haben könnte. Dies deutet darauf hin, dass der potenzielle Schaden weit über die Lunge hinausgeht.

„Angesichts der steigenden Zahl von Rauchern, insbesondere bei jungen Teenagern, ist das ‚Dampfen‘ ein erhebliches Gesundheitsproblem, und die Erforschung seiner gesundheitlichen Auswirkungen befindet sich noch in einem frühen Stadium“, gibt Chichger zu bedenken.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 16.02.2024

Lernen: Schreiben mit der Hand besser als Tippen auf einer Tastatur

Neue Forschungsergebnisse aus Norwegen zeigen, dass das Schreiben mit der Hand zu einer höheren Gehirnkonnektivität und damit auch zu einem besseren Lerneffekt führt als das Tippen auf der Tastatur. Den Expert*innen der Studie zufolge unterstreicht dies die Bedeutung des Schreibens mit einem Stift in der Schule.

Da digitale Geräte Stift und Papier zunehmend ersetzen, machen immer weniger Schüler*innen und Student*innen handschriftliche Notizen. Tippen ist oft schneller als das Schreiben mit der Hand. Doch verbessert Letzteres die Rechtschreibgenauigkeit und das Erinnerungsvermögen.

Um herauszufinden, ob der Prozess der Buchstabenbildung per Hand zu einer besseren Gehirnkonnektivität (Aktivität und Verbindung zwischen verschiedenen Gehirnregionen) führt, untersuchten norwegische Forscher*innen nun die zugrunde liegenden neuronalen Netze, die an beiden Schreibweisen beteiligt sind.

„Wir belegen, dass beim Schreiben mit der Hand die Konnektivitätsmuster des Gehirns weitaus ausgefeilter sind als beim Schreiben mit der Tastatur“, verdeutlichte Prof. Dr. Audrey van der Meer, Hirnforscherin an der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim (Norwegen), und Mitautorin der in „Frontiers in Psychology“ veröffentlichten Studie. „Es ist bekannt, dass eine solch umfassende Gehirnkonnektivität für die Gedächtnisbildung und die Verarbeitung neuer Informationen von entscheidender Bedeutung ist und daher für das Lernen von Vorteil ist.“

Stift übertrumpft Tastatur beim Einprägen

Die Wissenschaftler*innen sammelten EEG-Daten (EEG: Elektroenzephalografie, Messung der Hirnströme) von 36 Student*innen, die wiederholt aufgefordert wurden, ein Wort, das auf einem Bildschirm erschien, entweder zu schreiben oder am PC einzugeben. Beim Schreiben nutzten sie einen digitalen Stift, um direkt auf einem Touchscreen in Kursivschrift zu schreiben. Beim Tippen verwendeten sie einen einzelnen Finger, um Tasten auf einer Tastatur zu drücken. Bei jeder Eingabeaufforderung wurden fünf Sekunden lang EEGs mit hoher Dichte aufgezeichnet, bei denen die elektrische Aktivität im Gehirn mithilfe von 256 kleinen Sensoren gemessen wurde, die in ein Netz eingenäht waren, das die Teilnehmer*innen wie eine Haube über den Kopf stülpten.
Die Konnektivität verschiedener Gehirnregionen nahm zu, wenn die Teilnehmer*innen mit der Hand schrieben, nicht jedoch, wenn sie tippten. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass visuelle und Bewegungsinformationen, die durch präzise kontrollierte Handbewegungen bei der Verwendung eines Stifts gewonnen werden, erheblich zu den Verbindungsmustern des Gehirns beitragen, die das Lernen fördern“, erklärte van der Meer.
Bewegung verfestigt Erinnerung
Obwohl die Teilnehmer*innen digitale Stifte zum Schreiben mit der Hand verwendeten, nehmen die Forscher*innen an, dass die Ergebnisse vermutlich gleich ausfallen würden, wenn sie einen echten Stift auf Papier verwendeten. „Wir haben gezeigt, dass die Unterschiede in der Gehirnaktivität mit der sorgfältigen Aufzeichnung der Buchstaben beim Schreiben mit der Hand und gleichzeitiger stärkerer Nutzung mehrerer Sinne zusammenhängen“, erklärte van der Meer. Da es die Bewegung der Finger beim Formen von Buchstaben ist, die die Gehirnkonnektivität fördert, dürfte das Schreiben in Druckbuchstaben ähnliche Vorteile für das Lernen haben wie das Schreiben in Schreibschrift.

Im Gegensatz dazu ist die einfache Bewegung, wiederholt mit demselben Finger eine Taste zu drücken, weniger stimulierend für das Gehirn. „Das erklärt auch, warum Kinder, die das Schreiben und Lesen mit einem Tablet gelernt haben, beim Unterscheiden von spiegelbildlichen Buchstaben wie „b“ und „d“ Schwierigkeiten haben, diese voneinander zu unterscheiden. Sie haben mit ihrem Körper buchstäblich nicht gespürt, wie es sich anfühlt, diese Buchstaben zu erstellen“, so van der Meer.

Bei Schreibweisen bieten situationsabhängig Vorteile

Ihre Ergebnisse zeigen die Notwendigkeit, Schüler*innen die Möglichkeit zu geben, Stifte zu verwenden, anstatt sie während des Unterrichts tippen zu lassen, betonten die Forscher*innen. Richtlinien, die sicherstellen, dass die Schüler*innen zumindest ein Minimum an Unterricht für Schreibschrift erhalten, könnten ihrer Ansicht nach ein angemessener Schritt sein. So wurde zum Jahresbeginn in vielen US-Bundesstaaten das Schreibtraining wieder eingeführt.

Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, mit den sich ständig weiterentwickelnden technologischen Fortschritten Schritt zu halten, mahnten sie. Dazu gehört das Bewusstsein dafür, welche Schreibweise unter welchen Umständen mehr Vorteile bietet. „Es gibt Hinweise darauf, dass Studierende mehr lernen und sich besser erinnern, wenn sie handschriftliche Vorlesungsnotizen anfertigen, während die Verwendung eines Computers mit Tastatur beim Schreiben eines langen Textes oder Aufsatzes praktischer sein kann“, schloss van der Meer.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 07.02.2024

MISSION MAGISCHES TAGEBUCH: MENTAL HEALTH PODCAST

In Reaktion auf die zunehmende psychische Belastung von Kindern hat der SWR die zehnteilige Podcast-Reihe „Mission magisches Tagebuch“ entwickelt. Kinder sollen darin von anderen Kindern lernen, sich mit Problemen wie Mobbing, Schulstress oder ADHS auseinanderzusetzen. In jeder Folge bekommen sie konkrete Konfliktlösungs-Strategien an die Hand. Seit dem 26. Januar wird jeden Freitag eine neue Folge in der ARD Audiothek bereitgestellt. Für die Schulklassen 3 bis 5 gibt es auf planet schule ergänzendes Unterrichtsmaterial.

Quelle: Stiftung Achtung! Kinderseele; Newsletter vom 06.02.2024

Geschlechtsangleichung: Rechtliche Grauzone

Geschlechtsangleichende Therapien sind mit vielen Herausforderungen insbesondere bei der Kostenübernahme verbunden. Eine gesetzliche Regelung dazu gibt es bislang nicht.

Für die Kostenübernahme von geschlechtsangleichenden Behandlungen gibt es aktuell keinen rechtlichen Rahmen. Sie basiert auf einem Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) aus den 1980er-Jahren – das beinhaltet allerdings nur binäre Geschlechtsidentitäten. Im Oktober hatte das BSG daher entschieden, dass die Kosten für eine Mastektomie bei einer non-binären Person keine Kassenleistung ist. Es handele sich um eine „neuartige Behandlung“. Dafür brauche es zunächst eine Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), so das BSG.

Aktuell bereits genehmigte Behandlungen würden allerdings weiterhin finanziert, sagte der Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann (Grüne), bei einem Fachgespräch der Grünen. Tessa Ganserer (Grüne) aus dem Umweltausschuss sprach dagegen von zurückgezogenen Bewilligungen. „Wir halten das für berufsethisch inakzeptabel, diskriminierend und schlichtweg menschenrechtsverletzend“, sagte sie über das BSG-Urteil. Die Partei will nun einen gesetzlichen Rahmen für die Kostenübernahme von geschlechtsangleichenden Operationen schaffen, die im Koalitionsvertrag angekündigt wurde.

Begutachtungsanleitung

Auch für Transpersonen, die sich als Mann oder Frau identifizieren, gibt es einige Hürden bei der Kostenübernahme von geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Unter anderem kritisierte die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) erneut die Begutachtungsanleitung des GKV-Spitzenverbandes. Die Richtlinie sieht vor, dass die Kosten für eine Geschlechtstransition nur übernommen werden, wenn die betreffende Person zunächst zwölf Sitzungen in einem psychiatrischen oder psychotherapeutischen Setting durchführt. Sabine Maur, Vizepräsidentin der BPtK, bezeichnete das als Zwangsbehandlung. „Unsere Gesellschaft ist geprägt von queerfeindlichen Werten und Normen.“ Die leitende Ärztin des Medizinischen Dienstes Bund, Dr. med. Kerstin Haid, hielt dagegen, dass es sich auch um ein beratendes Setting handeln könne.

Eine große Änderung hin zur Entpathologisierung von Transgeschlechtlichkeit hat vergangenes Jahr mit der Veröffentlichung des Klassifikationssystems ICD-11 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) stattgefunden. Im Unterschied zur alten Klassifikation, dem ICD-10, wird die Geschlechtsinkongruenz im ICD-11 als Zustand und nicht mehr als Störung gewertet. In Deutschland bestünde jedoch „die komplexe Situation“, dass noch weitere vier bis fünf Jahre nach ICD-10 verschlüsselt und diagnostiziert würde, sagte Maur.

Der Allgemeinmediziner und Infektiologe Dr. med. Martin Viehweger begleitet in seiner Praxis viele Menschen bei der Transition. Er forderte, dass die transformative medizinische Begleitung Bestandteil von Ausbildungsprozessen werden müsse. Zusätzlich müsse der ökonomische Druck in der Praxis genommen und Netzwerkarbeit mit Peergroups und niedrigschwelligen Einrichtungen gefördert werden.

Östrogene per Injektion

Weiter berichtete Viehweger: „In Deutschland ist der Markt momentan auf orale oder transdermale Hormonapplikationen beschränkt.“ Viele Personen in Transition würden jedoch auch auf hier nicht zugelassene Injektionsformen von Östrogenderivaten zurückgreifen, die etwa aus Tschechien importiert würden. „Das ist ein sehr wichtiges Zeichen dafür, dass die aktuellen Regelungen, die auch durch den MDK umgesetzt werden, schädlich sind und so schnell wie möglich abgeschafft werden müssen“, sagte Mari Günther vom Bundesverband Trans*. Günther hofft, dass zeitnah eine Rechtsgrundlage geschaffen wird. Denn viele Personen seien durch das BSG-Urteil so verunsichert, dass man von einer steigenden Suizidalität ausgehen müsse.

Eine Möglichkeit, die Transitionsbehandlung gesetzlich zu verankern, sei, sie im Sozialgesetzbuch V in Analogie zur künstlichen Befruchtung als § 27 b aufzunehmen, erklärte die Rechtsanwältin Anke Harney. 

Quelle: www.aerzteblatt.de; PP 23, Ausgabe Januar 2024