BUCHTIPP: Weiblicher Autismus: Emotionaler Beistand für Betroffene

Die Autorinnen setzen mit diesem Buch erneut ein Statement für die weiblichen Aspekte von Neurodiversität. Alle bringen Erfahrungen in der Diagnostik und Therapie von Autismusspektrumsstörungen aus ihrer klinischen Tätigkeit am Universitätsklinikum Freiburg mit und erleben somit täglich, dass autistische Frauen und Mädchen oft schwerer oder deutlich später diagnostiziert werden als männliche Betroffene, da Studien und Literatur über Autismus sowie die Diagnosekriterien sich traditionell auf Männer und Jungen konzentrieren. Die Autorin Manon Mannherz ist selbst Autistin und Mutter autistischer Kinder.

Das Buch bietet einen einfühlsamen Einblick in die Lebenswelten und Entwicklungsaufgaben von Frauen und Mädchen im Autismusspektrum. Es beschreibt die Möglichkeiten und Hürden auf dem Weg zur Diagnose, sowie die sich daraus ergebenden Fragen der Identität. Es eröffnet eine wichtige Perspektive auf die Herausforderungen, aber auch Stärken, die Autistinnen in einer oft nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichteten Welt haben.

Das Buch hebt dabei die soziale und kulturelle Dimension von Autismus hervor, vor allem den bei weiblichen Betroffenen höheren Druck, aber auch ihre besseren Fähigkeiten, ihre Besonderheiten zu „maskieren“, um sich gesellschaftlichen Normen anzupassen. Durch dieses oft über Jahre eingeübte Verstecken der eigentlichen Persönlichkeit kommt es häufig zum Gefühl, „anders/nicht richtig“ zu sein, sowie zu Komorbiditäten oder Schwierigkeiten in der Identitätsentwicklung. Wiederkehrend wird mit der Analogie der „pro Tag begrenzten Löffel“ als Symbol für die Energiereserven gearbeitet, um ein Verständnis für die häufigen Überforderungsmomente und das ständig nötige Abwägen von Belastungen und Rückzug zu verdeutlichen. Ein Highlight des Buches sind die an mehreren Stellen aufgelisteten „Regel-Listen“, die die Wahrnehmung und Erwartungen von Autistinnen, etwa in Freundschaften oder im Umgang mit Autoritäten, beschreiben. Die Autorinnen stellen hier auf eine unterhaltsame und gleichzeitig aufschlussreiche Weise dar, wie einfach die Welt aus der Sicht von Autistinnen funktionieren könnte, wenn sie sich nicht in einer neurotypischen Welt bewegen müssten.

Für Fachleute, die sich mit Autismus beschäftigen, mag das Buch weniger tiefgehend sein. Für Betroffene und deren Angehörige jedoch – insbesondere vor oder kurz nach der Diagnosestellung – bietet dieses Buch einen wichtigen emotionalen Beistand. Es hilft, die Erlebenswelt von Autistinnen nachzuvollziehen, und bietet eine einfühlsame Einführung in das, was es bedeutet, als Frau im Autismusspektrum zu leben. Celina Szonert

Manon Mannherz, Ismene Ditrich, Christa Koentges: Die Welt autistischer Frauen und Mädchen. Warum sie anders genau richtig sind. Beltz Verlag, Weinheim 2025, 256 Seiten, kartoniert, 22,00 Euro

Quelle: www.aerzteblatt.de/ PP, Ausgabe 01/26