Soziale Medien: Zwischen Risiken und Nutzen

In Deutschland wird aktuell verstärkt über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert. Andere Länder sind bereits weiter. Der Deutsche Ethikrat lehnt ein pauschales Verbot ab und empfiehlt stattdessen ein risikobasiertes Schutzkonzept.

Gerade hat Großbritannien beschlossen, ein Verbot der sozialen Netzwerke für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren einzuführen. „Soziale Medien machen Kinder unglücklich“, sagte Premierminister Keir Starmer am 15. Juni in London. Das Vereinigte Königreich folgt mit den Plänen Australien, das im Dezember 2025 als weltweit erstes Land ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hatte. Mehrere EU-Länder haben ebenfalls bereits angekündigt, ein Social-Media-Verbot für Minderjährige bis zu einem bestimmten Alter gesetzlich festlegen zu wollen (siehe Kasten Blick ins Ausland). In Deutschland wird noch darüber diskutiert. Aktuell arbeitet die von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte Unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in einer digitalen Welt“ an einer Stellungnahme, die zahlreiche Empfehlungen enthalten soll. Diese soll am 24. Juni veröffentlicht werden – nach Redaktionsschluss.

Der Deutsche Ethikrat hat sich indes am 11. Juni klar gegen ein pauschales Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche ausgesprochen. Stattdessen empfiehlt das Expertengremium in seiner Ad-hoc-Stellungnahme „Schutz, Teilhabe und Befähigung von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt“ ein risikobasiertes Schutzkonzept. „Der Ethikrat beantwortet die Frage nach einem gesetzlichen Mindestalter mit nein“, sagte der Vorsitzende des Ethikrats, Prof. Dr. jur. Helmut Frister bei der Vorstellung der Stellungnahme. „Kinder und Jugendliche wachsen heute mit vielen digitalen Angeboten auf, die eine wichtige Rolle bei der Erfüllung ihrer Kommunikations- und Informationsbedürfnisse spielen. Sie pauschal von digitalen Räumen auszuschließen ist problematisch. Sie müssen aber in ihrem eigenen Interesse und auch zum Schutz der demokratischen Willensbildung lernen, problematische Inhalte und Mechanismen zu erkennen und darauf zu reagieren“, erklärte der Rechtswissenschaftler.

„Suchtfördernde Algorithmen, Manipulation, Gewalt, Cybermobbing, Pornografie, Extremismus: Digitale Risiken sind allgegenwärtig; aber sie gehen von Inhalten und Funktionen aus, die es nicht nur in den sozialen Medien gibt“, sagte Prof. Dr. phil. Judith Simon, stellvertretende Vorsitzende im Ethikrat. „Generative KI, wie Chatbots und Bildgeneratoren, wird zunehmend von Kindern und Jugendlichen genutzt – mit nicht minder gewichtigen Risiken.“ Ein gesetzliches Mindestalter für Soziale Medien ignoriere diese Gefahren und könne auch dazu führen, dass Kinder und Jugendliche ihre informationellen, kommunikativen und emotionalen Bedürfnisse auf Chatbots verlagerten, die noch unzureichender reguliert seien, so die Philosophin. Der Ethikrat empfiehlt daher ein risikobasiertes Schutzkonzept, das auch andere digitale Angebote einbezieht, die jeweiligen Risiken gezielt analysiert und dafür Schutzmaßnahmen etabliert.

Digital Services Act muss effektiver umgesetzt werden

„Für ein solches Schutzkonzept bietet die seit Februar 2024 geltende Regulierung der Onlineplattformen im Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union bereits eine gute Grundlage“, betonte der Ethikratvorsitzende Frister. Die Vorgaben müssten aber noch wesentlich effektiver umgesetzt und Anbieter stärker in die Pflicht genommen werden. „Falsche und manipulative Inhalte werden aktuell trotz DSA auf den Plattformen verbreitet – meist ohne Konsequenzen. Rechtlich ist die Lage eindeutig, doch die Politik muss die Sanktionen einleiten“, sagte er. Die EU-Kommission habe zwar damit begonnen, die Einhaltung der Vorgaben des DSA zum Schutz Minderjähriger verstärkt einzufordern. „Dieser Weg muss jedoch gegen alle Widerstände konsequent weiter beschritten und von Deutschland unterstützt werden“, ergänzte Simon. Darüber hinaus sei es dringend notwendig, den Schutz von Minderjährigen auch auf KI-Anwendungen zu erstrecken und den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag zu modernisieren.

Auch in dem vom Ethikrat empfohlenen risikobasierten Schutzkonzept sind Mindestaltersgrenzen für bestimmte digitale Angebote, wie zum Beispiel Pornografie, erforderlich, die mit Altersbestimmungstechnologien kontrolliert werden müssen. „Der Einsatz solcher Technologien hat jedoch für alle Nutzerinnen und Nutzer Nebenwirkungen, deren Ausmaß stark davon abhängt, welche Technologie verwendet wird“, betonte Simon. Als Beispiel nannte sie das Blockieren bestimmter Lieder, wenn dort Schimpfworte oder sexualisierte Ausdrücke verwendet würden. Deshalb dürfe die Entscheidung über die Wahl dieser Technologien nicht den Anbietern überlassen werden. Insbesondere eine Altersschätzung durch das Tracking digitaler Aktivitäten lehnt der Ethikrat zum Schutz der Privatsphäre ab und plädiert für primär endgerätbasierte Verfahren. Wenn Eltern das Alter ihrer Kinder beim Einrichten der Smartphones eingeben, sollten altersunangemessene Inhalte und Funktionen automatisch geblockt sein, forderte Simon.

Noch keine wirksame Altersverifikation

Das Alter der Nutzer zu kontrollieren funktioniere in der realen Welt nicht perfekt, in der Onlinewelt sei es noch viel schwieriger, erklärte Prof. James H. Davenport, PhD, von der British Computer Society (BCS) gegenüber dem britischen Science Media Center (SMC) anlässlich der Einführung einer Altersgrenze in UK. „International sucht man immer noch nach wirksamen Lösungen zur Altersverifikation.“ Man sollte deshalb eine pragmatische Haltung bewahren, die ein gewisses Maß an Umgehung durch die Kinder akzeptiert, statt Perfektion zu erwarten, empfiehlt er. „Altersgrenzen sind dennoch hilfreich.“ Für sinnvoll hält er auch zu verhindern, dass ungeeignete Inhalte überhaupt gepostet werden. Davenport schlägt zum Beispiel eine Kinderversion einer Social-Media-Plattform mit strengeren Kontrollen vor. Allerdings hätten Social-Media-Unternehmen derzeit wenig Anreiz, in die Entwicklung altersspezifischer Versionen ihrer Plattformen zu investieren, so der IT-Experte. Denn die Einführung einer solchen Plattform könnte teuer, komplex und ressourcenintensiv sein – bei möglicherweise nur sehr begrenztem finanziellem Nutzen für Technologiekonzerne wie Meta.

Neben der Altersverifikation brauchten Eltern bessere technische Werkzeuge, um den Zugang zu Inhalten, aber auch die Zugriffszeiten ihrer Kinder zu begrenzen, fordert der Ethikrat in seiner Stellungnahme weiter. Darüber hinaus sei es wichtig, dass Eltern seriöse und unabhängige Informationen über Gefahren im Netz, klare Altersempfehlungen für digitale Angebote sowie die Möglichkeit, sich von Digitalpaten beraten und helfen zu lassen, erhielten. Um die Wünsche und Interessen ihrer Kinder angemessen zu berücksichtigen, sollten Eltern ihre Kinder bei Entscheidungen über ihre digitalen Aktivitäten einbeziehen, empfiehlt der Ethikrat schließlich. „Das fördert digitale Selbstbestimmung, klärt über Gefahren auf und schafft Vertrauen, um überhaupt Einblick in ihre digitale Lebenswelt zu gewinnen“, erläuterte Simon.

Zusammenhang zwischen sozialen Medien und psychischer Gesundheit

Die Regulierung sozialer Medien wird vor allem damit begründet, dass es einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von digitalen Medien und der psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gibt. Auch die somatischen Folgen sind nicht zu unterschätzen (siehe Kasten). Doch wie solide ist die Datenlage und der Stand der Forschung zu den Auswirkungen von sozialen Medien auf die psychische Gesundheit? „Die Befundlage ist uneinheitlich, was vor allem daran liegt, dass korrelative, experimentelle und längsschnittliche Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen“, erläutert Prof. Dr. phil. Adrian Meier, Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, gegenüber dem deutschen SMC. Viele Studien zeigten zwar einen kleinen bis moderaten Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und mehr Angst- oder Depressionssymptomen, doch ob Social Media Ursache oder Folge psychischer Belastung sind, bleibe umstritten; wahrscheinlich wirke beides zusammen.

„Bisher deuten Längsschnittdaten darauf hin, dass insbesondere suchtartige Social-Media-Nutzung mit höherer Depressivität und auch mit späterer Suizidalität zusammenhängt, und zwar nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen“, sagt Apl.-Prof. Dr. phil. Julia Brailovskaia, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum und Deutsches Zentrum für psychische Gesundheit (DZPG), ebenfalls gegenüber dem SMC. Besonders belastbar seien randomisiert-kontrollierte Langzeitstudien, doch diese seien aufwendig, dauerten lange und hinkten der schnellen Entwicklung der Plattformen oft hinterher. Erschwert werde die Forschung zusätzlich dadurch, dass Plattformanbieter ihre Daten kaum zugänglich machten. Ethische Grenzen verhinderten zudem, Menschen gezielt potenziell schädlicher Nutzung auszusetzen. „Studien zur Reduktion der Nutzungszeit zeigen jedoch, dass schon etwas weniger Social-Media-Nutzung die psychische Gesundheit verbessern, Depressivität senken und die Lebenszufriedenheit steigern können“, betonte Brailovskaia.

Die Wissenschaftlerin betont, dass vor allem die suchtartige Nutzung sozialer Medien zu negativen Folgen wie Depressionen und Ängstlichkeit beitrage. Wer eine starke emotionale Bindung entwickelt, verliere leicht den Bezug zur realen Welt: Soziale Beziehungen leiden, Einsamkeit nehme zu und Konflikte häuften sich. Zugleich förderten die Plattformen diese Suchtsymptomatik gezielt, weil ihr Geschäftsmodell darauf beruhe, Nutzer möglichst lange zu binden – etwa durch endloses Scrollen, Likes und Pushnachrichten. Hinzu komme der soziale Einfluss: Menschen orientieren sich stark daran, was Freunde online zeigen und bewerten.

Auf die Frage, ob es sinnvoll sei, erst auf eine eindeutige Datenlage zum Zusammenhang von sozialen Medien und psychischer Gesundheit zu warten, bevor ein Gesetz zur Regulierung beschlossen wird, hat Wissenschaftlerin Brailovskaia eine eindeutige Antwort: „Ich berufe ich mich auf das Vorsorgeprinzip: Wenn es bereits Hinweise gibt, dass die Nutzung von sozialen Medien zu einem Schaden für die psychische Gesundheit führen kann, dann sollte man handeln, bevor es brennt.“

Info

Soziale Medien sind digitale Plattformen und Apps, über die Menschen Inhalte erstellen, teilen und miteinander kommunizieren können.

Dazu gehören zum Beispiel soziale Netzwerke wie Facebook, Foto- und Videoplattformen wie Instagram, TikTok oder Youtube, Kurznachrichtendienste wie X oder LinkedIn und Messenger mit sozialen Funktionen wie Whatsapp oder Snapchat.

Blick ins Ausland

International zeichnet sich derzeit ein Trend zu strengeren Regeln für die Nutzung von sozialen Medien durch Kinder und Jugendliche ab.

Australien war das erste Land weltweit, das ein umfassendes Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt hat. Das entsprechende Gesetz trat Ende 2025 in Kraft und betrifft unter anderem Instagram, TikTok, Facebook, Snapchat, Youtube, X, Reddit und Twitch. Messengerdienste wie Whatsapp sowie bestimmte Gaming-Plattformen sind hingegen ausgenommen. Die australische Regierung zog Anfang dieses Jahres eine positive Bilanz: mehr als 4,7 Millionen Konten von unter 16-Jährigen seien deaktiviert worden. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass die Sperren zu umgehen seien.

Großbritannien plant aktuell ein Verbot nach australischem Vorbild, das Anfang 2027 in Kraft treten soll. Darüber hinaus erwägt die britische Regierung weitere Schutzmaßnahmen, wie digitale Sperrstunden gegen nächtliches Dauerscrollen oder Einschränkungen bei Chatfunktionen.

Auch innerhalb der Europäischen Union wird ein Mindestalter von 16 Jahren für den Zugang zu sozialen Medien vorgeschlagen. Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren sollen diese nur mit Zustimmung der Eltern nutzen dürfen. Das Parlament verabschiedete dazu Ende 2025 eine Entschließung, die jedoch rechtlich nicht bindend ist.

Dänemark gab bereits Ende 2025 bekannt, soziale Medien für Kinder unter 15 Jahren verbieten zu wollen. Eltern sollen aber ihren Kindern bereits ab 13 Jahren den Zugang zu bestimmten Plattformen erlauben können.

Auch Spanien kündigte bereits an, soziale Medien nach australischem Vorbild für unter 16-Jährige verbieten zu wollen.

In Frankreich stimmte die Nationalversammlung Anfang 2026 für einen Gesetzentwurf, der unter 15-Jährigen den Zugang verwehren soll.

In Italien liegt ein Gesetzentwurf der Regierungspartei Lega vor, der soziale Netzwerke für Kinder unter 14 Jahren verbieten soll. Jugendliche sollen soziale Medien nur mit nachweisbarer Zustimmung ihrer Eltern nutzen dürfen.

Österreich kündigte jüngst an, den Zugang zu Social Media erst ab 14 Jahren zu erlauben.

Griechenland arbeitet an einer „Kids Wallet App“, die das Alter verifizieren und den Zugang zu sozialen Netzwerken direkt auf den Geräten blockieren soll. Es soll Regelungen für unter 15-Jährige geben. ER

Somatische Folgen

Ein erhöhter beziehungsweise problematischer Konsum von (sozialen) Medien kann neben psychischen Folgeerscheinungen ebenso mit zahlreichen somatischen Gesundheitsrisiken bei Kindern und Jugendlichen verbunden sein. Dies zeigt mittlerweile eine Vielzahl von – allerdings methodisch sehr heterogenen – Studien. Dargestellt werden in diesen Zusammenhänge von exzessiven Konsum von (sozialen) Medien mit Übergewicht und metabolischen Störungen, Schlafproblemen, muskuloskelettalen Beschwerden, Konzentrations- und Leistungseinbußen, Kopfschmerzen sowie Augenerkrankungen. Als mögliche Ursachen werden unter anderem Bewegungsmangel, verkürzte Schlafdauer, langes Sitzen, ungünstige Körperhaltungen, intensive Naharbeit und eine reduzierte Zeit im Freien diskutiert. Darüber hinaus weisen neuere Studien auf weitere potenzielle Folgen hin, darunter Entwicklungsverzögerungen, Veränderungen der Gehirnentwicklung, Bauchschmerzen, chronische Obstipation sowie ein erhöhtes Risiko für eine vorzeitige Pubertätsentwicklung. 

Quelle: Deutsches Ärzteblatt PP, Ausgabe 7/2026

Zu lange Wartezeit für Heranwachsende

Kinder und Jugendliche müssen aus Sicht der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention zu lange auf Psychotherapie warten. „32,5 Wochen vergehen zwischen der ersten Anfrage und dem Beginn einer Psychotherapie. Das ist nicht akzeptabel.“ Die Stiftung reagierte damit auf entsprechende Daten des Bildungs- und Versorgungsmonitors Psychotherapie. Die Wartezeiten seien im Vergleich zu 2025 erneut gestiegen. Somit seien die Versorgungsdefizite gravierend.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt PP, Ausgabe 7/2026

Gesellschaft: Viele junge Erwachsene sind einsam

Etwa jeder fünfte junge Erwachsene in Deutschland fühlt sich sehr einsam. Das gab das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) heute in Wiesbaden bekannt. Die Daten stammen aus dem familiendemografischen Panel Freda aus dem Winter 2024/2025. Demnach hat sich auch mehrere Jahre nach der Coronapandemie der Anteil der stark einsamen Menschen unter den 21- bis 30-Jährigen mit rund 21 Prozent kaum verringert. Unter den 31- bis 54-Jährigen liege dieser Wert mit 14 Prozent deutlich niedriger. Insgesamt berichtet rund ein Drittel (34 Prozent) aller befragten Erwachsenen im Alter von 21 bis 54 Jahren, sich zumindest teilweise einsam zu fühlen. Davon sind 16 Prozent stark und 18 Prozent moderat betroffen.

Frauen gaben in allen Befragungen seit dem Jahr 2022 etwas häufiger an, sich einsam zu fühlen als Männer. Zum jüngsten Zeitpunkt im Winter 2024/25 berichteten 36 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer von Einsamkeit. „Das Einsamkeitsempfinden hat sich seit der Coronapandemie kaum zurückgebildet“, erklärte BiB-Expertin Sabine Diabaté. „Damit bestätigt sich, dass Einsamkeit unter jungen Erwachsenen kein kurzfristiges Phänomen während und nach der Pandemiezeit ist, sondern besonders für die Generation Z (1995 bis 2010 geboren) zu einer anhaltenden psychosozialen Belastung zu werden scheint.“

Als Gründe für die höhere Betroffenheit jüngerer Erwachsener nennt das BiB unter anderem, dass sich viele dann generell in einer Phase der Orientierung und des Übergangs befänden, was die Anfälligkeit für Einsamkeit erhöhen könne. Prekäre Lebensverhältnisse und soziale Unsicherheit erhöhten ebenfalls das Risiko. Gerade junge Erwachsene erlebten durch multiple Krisen unsichere Zukunftsperspektiven. 

Quelle: Deutsches Ärzteblatt PP, Ausgabe 7/2026

Früher Einstieg in Social Media wirkt sich möglicherweise langfristig schlecht auf Schulleistung aus

In einer in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ veröffentlichten Studie untersuchten italienische Forschende, wie sich ein früher Einstieg in soziale Medien auf die schulischen Leistungen auswirkt

Die Studie verknüpfte administrative Längsschnittdaten zu den Schulleistungen mit retrospektiven Angaben der Jugendlichen zum Zeitpunkt der Anschaffung digitaler Geräte, der Anmeldung bei sozialen Medien, zur elterlichen Kontrolle sowie zu ihrem Wohlbefinden und ihrer Lebenszufriedenheit.

Die meisten Jugendlichen erstellen ihre ersten Social-Media-Konten in einem Alter, das oft unter den von den Plattformen oder Ländern festgelegten Mindestaltergrenzen liegt. Zahlreiche Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und negativen Auswirkungen auf das Wohlbefinden hin, etwa verminderter Konzentrationsfähigkeit, schlechterer Schlafqualität und selteneren persönlichen Interaktionen.

Negative Auswirkungen auf Mathematik und Italienisch

Die Studie umfasste 5.227 Schüler der 10. und 11. Klasse, deren verknüpfte Leistungsdaten die Jahrgangsstufen 2 bis 10 (im Alter von etwa 7 bis 16 Jahren) abdeckten. Der Median für den Zeitpunkt der ersten Nutzung von Videospielkonsolen lag bei der 4. Klasse. Etwa 47% der Schüler*innen erhielten in der 6. Klasse ein Smartphone, und bis zum Ende der 8. Klasse besaßen 98% ein solches Gerät.

Des Weiteren meldeten sich 11,2% der Schüler bereits in der Grundschule bei sozialen Medien an, 29% in der 6. Klasse, 25% in der 7. Klasse und 18% in der 8. Klasse. Bemerkenswert ist, dass sich nur 16,3% erst in der 9. Klasse oder später anmeldeten (was im Allgemeinen dem in Italien gesetzlich vorgeschriebenen Mindestalter von 14 Jahren für den eigenständigen Zugang entspricht).

Ein früheres Alter bei der Anmeldung zu sozialen Medien – und damit eine längere Nutzungsdauer bis zum Testzeitpunkt – war mit geringeren Leistungen in Mathematik und Italienisch verbunden. Es zeigte sich, dass Schüler*innen mit früherer Social-Media-Nutzung aus Familien mit niedrigerem Bildungsniveau stammten. Zudem erzielten diese Schüler schlechtere Ergebnisse bei den Kompetenztests.

Schulfach Englisch nicht betroffen

Die negativen Zusammenhänge zeigten sich für Mathematik und Italienisch, nicht jedoch für Englisch. Die Wissenschafler*innen vermuten, dass englischsprachige Inhalte in sozialen Medien hier einen ausgleichenden Effekt haben könnten. 

Weitere Forschungsarbeit erforderlich

Die Autor*innen weisen darauf hin, dass die Ergebnisse zwar für einen Zusammenhang zwischen einem frühen Einstieg in soziale Medien und geringeren Schulleistungen sprechen, ein eindeutiger ursächlicher Zusammenhang jedoch nicht bewiesen werden kann. Zudem beruhen Angaben zum Zeitpunkt der Social-Media-Nutzung auf Selbstauskünften, die Erinnerungsfehler enthalten können. Schließlich bleibt offen, ob sich die Ergebnisse aus Italien ohne Weiteres auf andere Länder übertragen lassen.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 17.08.2026

Jugendliche: Cannabiskonsum verdoppelt möglicherweise Risiko für schwere psychische Erkrankungen

Jugendliche, die Cannabis konsumieren, haben einer Studie mit mehr als 463.000 Teilnehmer*innen zufolge ein deutlich höheres Risiko, schwere psychische Erkrankungen zu entwickeln – darunter psychotische Störungen und bipolare Störungen.

Laut einer neuen, umfangreichen Studie, die im „JAMA Health Forum“ veröffentlicht wurde, entwickeln Jugendliche, die Cannabis konsumieren, mit höherer Wahrscheinlichkeit bis zum frühen Erwachsenenalter schwere psychiatrische Erkrankungen.

Cannabiskonsum ging der Diagnose oft Jahre voraus

Die amerikanischen Forschenden stellten fest, dass der Cannabiskonsum diesen Diagnosen oft um fast zwei Jahre vorausging, was die Bedenken hinsichtlich der Langzeitfolgen für das sich entwickelnde Gehirn verstärkt.

Die Wissenschaftler*innen begleiteten 463.396 Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren bis zu deren 26. Lebensjahr. Sie stellten fest, dass Jugendliche, die angaben, im vorangegangenen Jahr Cannabis konsumiert zu haben, ein signifikant höheres Risiko für die spätere Entwicklung psychotischer Störungen, bipolarer Störungen, Depressionen und Angstzustände aufwiesen. Bei Jugendlichen, die Cannabis konsumierten, verdoppelte sich das Risiko für psychotische und bipolare Störungen in etwa.

Die Studie wurde von Forschern von Kaiser Permanente, dem Programm „Getting it Right from the Start“ des Public Health Institute sowie der University of California, San Francisco, und der University of Southern California durchgeführt.

Die Untersuchung stützte sich auf Daten aus elektronischen Patientenakten, die bei routinemäßigen kinder- und jugendärztlichen Untersuchungen im Zeitraum von 2016 bis 2023 erhoben wurden. Im Durchschnitt wurde der Cannabiskonsum 1,7 bis 2,3 Jahre vor der Diagnose einer psychiatrischen Erkrankung gemeldet.

Da die Studie die Teilnehmer über einen längeren Zeitraum begleitete, stützen die Annahme eines möglichen Zusammenhangs von Cannabiskonsum im Jugendalter und der späteren Entwicklung psychischer Erkrankungen.

Risiken auch jenseits von starkem Cannabiskonsum

Viele frühere Studien konzentrierten sich vorwiegend auf starken Cannabiskonsum oder eine Cannabiskonsumstörung. Diese Studie verfolgte einen breiteren Ansatz und untersuchte jeglichen selbst berichteten Cannabiskonsum im vergangenen Jahr. Die Daten stammten aus einem allgemeinen Screening im Rahmen der routinemäßigen kinderärztlichen Versorgung.

„Selbst unter Berücksichtigung vorbestehender psychischer Erkrankungen und des Konsums anderer Substanzen hatten Jugendliche, die Cannabiskonsum angaben, ein deutlich höheres Risiko, psychiatrische Störungen zu entwickeln – insbesondere psychotische und bipolare Störungen“, erklärte Dr. Kelly Young-Wolff, Hauptautorin der Studie und leitende Wissenschaftlerin an der Forschungsabteilung von Kaiser Permanente. „Diese Studie ergänzt die wachsende Zahl von Belegen dafür, dass Cannabiskonsum im Jugendalter potenziell schädliche, langfristige gesundheitliche Auswirkungen haben kann. Es ist unerlässlich, dass Eltern und ihre Kinder über genaue und vertrauenswürdige Informationen zu den Risiken des Cannabiskonsums bei Jugendlichen verfügen.“

Cannabis gehört zu den am häufigsten konsumierten Suchtmitteln

Nach Alkohol und Nikotin ist Cannabis das am häufigsten konsumierte Suchtmittel. Laut dem Datenportal Sucht und Drogen des Bundesdrogenbeauftragten konsumierten 6,1% der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen in Deutschland in den letzten 12 Monaten Cannabis.

Erwerb, Besitz und Anbau von Cannabis bleiben in Deutschland für Minderjährige nach wie vor verboten.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 27.07.2026

Früherkennung von Typ-1-Diabetes bei Kindern ist breit umsetzbar

Seit zehn Jahren untersucht die von Helmholtz Munich koordinierte Fr1da-Studie, ob sich frühe Stadien von Typ-1-Diabetes bei Kindern in der allgemeinen kinderärztlichen Versorgung erkennen lassen. Die aktuelle Bilanz zeigt: Das Screening ist dauerhaft umsetzbar und identifiziert die meisten Kinder, bei denen sich einTyp-1-Diabetes Stadium 3 (klinisch) in der Zukunft entwickelt.

Typ-1-Diabetes beginnt meist lange bevor Kinder typische Symptome wie starken Durst, Gewichtsverlust oder Müdigkeit entwickeln. Häufig sind Familien sich dieser Anzeichen nicht bewusst.

Wird die Erkrankung zu spät erkannt, können Kinder eine diabetische Ketoazidose entwickeln – ein schwerer medizinischer Notfall. Im Blut lassen sich Jahre vor der Erkrankung sogenannte Inselautoantikörper nachweisen. Wird dadurch ein frühes Stadium erkannt, können Familien vorbereitet, Kinder ärztlich begleitet und schwere Stoffwechselentgleisungen idealerweise vermieden werden. Forschende von Helmholtz Munich veröffentlichen ihre aktuelle Bilanz der Fr1da-Studie jetzt im Fachjournal „JAMA“.

Seit dem Start von Fr1da im Februar 2015 wurden in Bayern mehr als 220.000 Kinder auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes getestet – nicht in spezialisierten Zentren, sondern über die reguläre kinder- und jugendärztliche Versorgung. Insgesamt beteiligten sich 716 niedergelassene Kinder- und Jugendärztinnen sowie Kinder- und Jugendärzte. Damit liefert Fr1da einen der bislang umfangreichsten Belege dafür, dass ein Screening auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes in der allgemeinen Kinder- und Jugendarztpraxis dauerhaft umsetzbar ist.

Für das Screening wird in der Kinder- und Jugendarztpraxis eine kleine Blutprobe entnommen und im Labor auf Inselautoantikörper untersucht. Von einem frühen Stadium sprechen die Forschenden, wenn mindestens zwei verschiedene Inselautoantikörper in zwei aufeinanderfolgenden Blutproben bestätigt werden. In Stadium 1 sind die Blutzuckerwerte noch unauffällig, in Stadium 2 zeigen sich erste Störungen des Zuckerstoffwechsels. Erst Stadium 3 entspricht dem klinisch manifesten Typ-1-Diabetes, bei dem die Gabe von Insulin erforderlich ist.

Die meisten der betroffenen Kinder haben keine Verwandten mit Typ-1-Diabetes

Beim ersten Screening wurde bei 590 Kindern ein frühes Stadium von Typ-1-Diabetes festgestellt – das entspricht etwa 0,3% der untersuchten Kinder. Im weiteren Verlauf entwickelten 212 dieser Kinder einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3. Das entspricht 81% der Kinder, die später einen klinischen Typ-1-Diabetes entwickelten. Nach fünf Jahren lag die Wahrscheinlichkeit, vom Frühstadium in den klinischen Typ-1-Diabetes überzugehen, bei 36,2%.

Die Analyse zeigt: Kinder mit einem Verwandten ersten Grades mit Typ-1-Diabetes haben zwar ein erhöhtes Risiko, die Erkrankung zu entwickeln. Dennoch hat die Mehrheit der Kinder, die einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3 entwickeln, keine familiäre Vorbelastung. Daher sollte sich das Screening nicht auf Kinder mit familiärem Risiko beschränken. Zudem beobachteten die Forschenden nach Diagnose eines Frühstadiums keinen Unterschied im Krankheitsverlauf zwischen Kindern mit und ohne familiäre Vorbelastung. „Diese Daten zeigen, dass ein Screening in der breiten Bevölkerung sinnvoll ist“, sagte Dr. Christiane Winkler, die das Fr1da-Team bei Helmholtz Munich leitet und Erstautorin der Studie ist. „Wenn wir nur Kinder mit familiärer Vorbelastung testen, übersehen wir den größten Teil der Kinder, die später einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3 entwickeln.“

Eine neue Erkenntnis ist, dass die Erkrankung über alle Stadien hinweg mit einer vergleichbaren Rate fortschreitet. Bei Kindern im Stadium 1 oder 2 betrug die jährliche Progression in weiter fortgeschrittene Stadien rund 20%. „Dies ist der erste belastbare Hinweis darauf, dass der Krankheitsprozess in der Bauchspeicheldrüse bereits mit Einsetzen der Autoimmunität beginnt – und könnte unseren Ansatz für den optimalen Zeitpunkt therapeutischer Interventionen grundlegend verändern“, so Prof. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung bei Helmholtz Munich und Studienleiterin.

Auch ein zweites Screening erwies sich als wichtig. Bei mehr als 11.700 zunächst unauffälligen Kindern wurde der Test etwa drei Jahre später wiederholt. Dabei wurden 29 weitere Kinder mit einem Frühstadium identifiziert. Das bedeutet, dass durch das erneute Screening nahezu genauso häufig neue Fälle entdeckt wurden wie beim ersten Test. „Einige Kinder entwickeln Inselautoantikörper erst etwas später im Kindesalter“, erklärte Winkler. „Deshalb empfehlen wir eine zweite Testung nach einigen Jahren.“

Diabetes-Sreening kann für alle Kinder umgesetzt werden

Für Familien bedeutet ein positives Screening nicht, dass das Kind sofort Diabetes-Symptome hat oder Insulin benötigt. Die Familien erhalten Informationen, Schulungen und Zugang zu spezialisierten Diabeteszentren. Dort wird mit Hilfe eines oralen Glukosetoleranztests geprüft, wie stabil der Stoffwechsel des Kindes noch ist. Danach folgen regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Ziel ist es, den Übergang in einen Typ-1-Diabetes in Stadium 3 frühzeitig zu erkennen und eine diabetische Ketoazidose möglichst zu verhindern. „Die Fr1da-Studie hat maßgeblich dazu beigetragen, das Screening auf Typ-1-Diabetes in der Allgemeinbevölkerung zu erforschen“, sagt Anne Koralova, Program Officer beim Helmsley Charitable Trust. „Wir unterstützen Fr1da, weil eine frühzeitige Diagnose die langfristige gesundheitliche Entwicklung verbessert.“

Die Fr1da-Daten sind auch für neue Präventionsstrategien relevant. Krankheitsmodifizierende Therapien, also Behandlungen, die den Verlauf der Erkrankung beeinflussen und den Übergang in ein Typ-1-Diabetes Stadium 3 verzögern können, setzen eine frühe Diagnose voraus. Zugleich zeigen die Daten, wie schnell Kinder von einem Stadium ins nächste übergehen – eine wichtige Grundlage für künftige Studien.

Langfristig zielt Fr1da darauf ab, die Früherkennung in die Regelversorgung zu integrieren. „Die Studie zeigt, dass der Krankheitsprozess bei Kindern mit und ohne familiäre Vorbelastung vergleichbar verläuft. Das bedeutet zum einen, dass ein Screening in der Allgemeinbevölkerung praktikabel ist. Zum anderen, dass Therapien, die in einer Gruppe wirksam sind, voraussichtlich auch in der anderen wirksam sein werden“, verdeutlichte Ziegler. „Unser Ziel ist es, dass ein solches Screening künftig allen Kindern angeboten wird – und nicht nur ausgewählten Risikogruppen.“
„Die Möglichkeit, Typ-1-Diabetes durch Screening und Monitoring frühzeitig zu erkennen, stellt einen bedeutenden Durchbruch dar – mit großem Potenzial, breite Bevölkerungsgruppen zu erreichen und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen“, sagt Esther Latres, Ph.D., Senior Vice President of Research bei Breakthrough T1D. „Die Fr1da-Studie hat unser Verständnis des Krankheitsverlaufs bei Kindern maßgeblich erweitert und belegt zugleich den Nutzen sowie die praktische Umsetzbarkeit der Früherkennung als Bestandteil der klinischen Routineversorgung. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung klinischer Studien und erleichtert den Zugang zu neuen krankheitsmodifizierenden Therapien.“

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 23.07.2026

Junge rauchen wieder mehr / Erkrankungen und Geschlecht

Süß, bunt und voller Nikotin: Mehrweg-E-Zigaretten und Nikotinbeutel werden bei jungen Menschen beliebter. Das geht aus einer Befragung des Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit aus dem Jahr 2025 hervor. Demnach rauchte knapp jeder zehnte Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren 2025 und damit 3,5 Prozentpunkte mehr als noch vier Jahre zuvor. Weniger junge Leute greifen allerdings zur herkömmlichen Zigarette – mit einer Ausnahme: Bei den Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren rauchten 7,8 Prozent Tabak und damit 1,4 Prozentpunkte mehr als noch vor fünf Jahren. Fachleute schlugen Alarm und forderten bessere Präventionsmaßnahmen, wie etwa das Verbot von süßen Aromastoffen. 

Erkrankungen und Geschlecht
Geschlechtsspezifische Unterschiede spielen im Medizinstudium offensichtlich keine allzu große Rolle: Einer aktuellen forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbands zufolge hat ein Drittel der rund 500 befragten Ärztinnen und Ärzte angegeben, im Studium „gar keine“ Inhalte zu den Unterschieden zwischen Frauen und Männern bei Erkrankungen vermittelt bekommen zu haben. Zwei Drittel haben noch nie eine entsprechende Fortbildung besucht, 87 Prozent finden, dass das Thema stärker in Leitlinien berücksichtigt werden sollte. 

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 12/2026

Kinder und Jugendliche: Psychische Erkrankungen häufigster Grund für Klinikaufenthalt

Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen sind im Jahr 2024 die häufigste Ursache für stationäre Behandlungen von Kindern und Jugendlichen gewesen. Das teilte das Statistische Bundesamt mit. Fast ein Fünftel (18,9 Prozent) der im Krankenhaus stationär behandelten Personen im Alter von 10 bis 19 Jahren sei dort wegen einer solchen Erkrankung gewesen, hieß es. Das waren demnach rund 116 300 Menschen.

Im Vergleich zum Jahr 2023 stieg die Zahl der aufgrund psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen im Krankenhaus behandelten jungen Menschen an. Damals habe es etwa 112 500 solcher Fälle gegeben, so die Statistiker. 2024 waren es demnach rund 3,4 Prozent mehr. Im Vergleich mit 2004 sei die Zahl sogar um 36,5 Prozent gestiegen. Unter den Krankenhauspatienten aller Altersklassen machten psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen im Jahr 2024 rund 5,9 Prozent der Behandlungen aus. Auch hier stieg die Zahl im 20-Jahre-Vergleich an, um vier Prozent.

Die meisten der Kinder und Jugendlichen wurden laut Mitteilung wegen Depressionen behandelt. 2024 waren das demnach rund 33 900 der 10- bis 19-Jährigen. Bei etwa 11 700 Heranwachsenden waren Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen Grund für die Behandlung. Auch über alle Altersklassen hinweg war Depression mit 24,7 Prozent die häufigste Diagnose bei den stationär wegen einer psychischen Erkrankung behandelten Menschen. Alkoholmissbrauch war bei 21,7 Prozent der Fälle die Ursache. 

Quelle: Deutsches Ärzteblatt PP, Ausgabe 5/2026

Künstliche Intelligenz: Chatbots als Gesprächspartner für seelische Probleme

Rund zwei Drittel (65 Prozent) der 16- bis 39-Jährigen haben schon einmal mit Künstlicher Intelligenz (KI) über psychische Belastungen gesprochen. Das zeigt eine neue Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention in Leipzig. Dabei gehe es häufig um allgemeine Probleme wie Stress, Trauer oder Liebeskummer –nicht zwingend um eine diagnostizierte Depression. Noch höher ist der Anteil unter Befragten, die angaben, sich aktuell in einer depressiven Phase zu befinden (76 Prozent). Am häufigsten nutzen die Befragten dabei bekannte Systeme wie ChatGPT (77 Prozent), gefolgt von Gemini (14 Prozent) und Microsoft Copilot (vier Prozent).

Mehr als die Hälfte nennt als Grund, überhaupt jemanden zum Reden zu haben (56 Prozent). 46 Prozent hoffen, die Erkrankung selbst besser in den Griff zu bekommen, 40 Prozent informieren sich über Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten. Der Reiz, KI-Chatbots zu nutzen, liegt vor allem in ihrer einfachen Verfügbarkeit: Sie sind anonym, jederzeit erreichbar und ohne Wartezeit nutzbar.

Experten sehen in der Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken. „KI-basierte Systeme – evidenzbasiert, menschlich geleitet und gezielt eingesetzt –haben das Potenzial, Barrieren abzubauen, Wartezeiten zu verkürzen und mehr Prävention zu ermöglichen“, sagte der Psychiater Dr. med. Malek Bajbouj von der Berliner Charité. „Umgekehrt bergen KISysteme die Gefahr der Scheinbehandlungen: anstatt professionelle Hilfe zu suchen, bleiben Menschen in Systemen gefangen, die entweder wirkungslos sind oder sogar schädlich.“ Besonders kritisch sieht er, dass manche Nutzer KI als Alternative zu einer Behandlung wahrnehmen. Algorithmen seien aber auf Empathie programmiert, kritisches Nachfragen und therapeutische Führung kämen dabei meist zu kurz.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt PP, Ausgabe 5/2026

Familie: Alleinerziehende psychisch stark belastet

Alleinerziehende stehen einer Umfrage der Krankenkasse KKH zufolge psychisch besonders unter Druck. 61 Prozent fühlen sich demnach stark belastet. Bei zusammenlebenden Eltern sind es 31 Prozent. Alleinerziehende haben zudem mehr Sorgen um das Einkommen oder Angst vor einem sozialen Abstieg.

Knapp zwei Drittel der befragten Alleinerziehenden fühlen sich durch ihren Alltag und ihren Beruf häufig gestresst. Bei Paarfamilien sind es 47 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Befragten gab an, dass die Belastungen in den vergangenen zwei Jahren zunahmen. „Die Umfrageergebnisse sind ein eindeutiges Warnsignal“, erklärte Aileen Könitz von der KKH. Überforderung könne zu chronischer Erschöpfung und Depression führen. Ein-Eltern-Familien seien besonders gefährdet. Neun von zehn alleinerziehenden Elternteilen seien Frauen. Ein fehlender sozialer Rückhalt ist der Umfrage zufolge ebenfalls ein großer Risikofaktor für die Gesundheit. 34 Prozent der Alleinerziehenden fühlen sich durch mangelnde Unterstützung stark belastet. Bei Elternpaaren sind es 24 Prozent. „Gerade Einsamkeit ist ein starker Treiber für psychische Instabilität“, erklärte Könitz. Häufig entstehe ein Teufelskreis, weil zu wenig Zeit für Kontaktpflege zu Einsamkeit führe, was die psychische Gesundheit beeinträchtige.

Knapp drei von vier Alleinerziehenden berichten von Müdigkeit und Schlafstörungen durch Stress. Bei Paarfamilien sind es 58 Prozent. Zwei Drittel der Alleinerziehenden fühlen sich ausgebrannt. Sie leiden auch häufiger unter psychischen Beschwerden. 

Quelle: Deutsches Ärzteblatt PP, Ausgabe 5/2026