Junge Menschen mit Krebs / Psyche spielt Hauptrolle

Eine Krebsdiagnose verändert das Leben junger Menschen tiefgreifend. Beim Netzwerktreffen der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs und des neu gegründeten Krebs Kollektivs e.V. Ende Oktober in Köln betonte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), dass eine solche Diagnose für junge Menschen gleichzeitig eine Reihe schwieriger Fragen aufwerfe.

Wie geht es finanziell weiter? Was wird aus meiner beruflichen Zukunft? Diese Fragen sind auch zentraler Bestandteil der Arbeit der Stiftung – etwa beim Einsatz für das Recht auf Vergessenwerden. Das bedeutet, dass mit Eintritt der Heilungsbewährung die Diagnose nicht länger gegen die jungen Betroffenen verwendet werden darf. Damit sollen sie vor Diskriminierungen aufgrund der Krebserkrankung geschützt werden. ER

Psyche spielt Hauptrolle
Fast jede zweite Berufsunfähigkeit im jüngeren Lebensalter ging in Deutschland im vergangenen Jahr auf psychische Erkrankungen zurück. Mit 45 Prozent sind sie auch Ursache Nummer eins für Krankschreibungen, wie aus einer Analyse des Versicherungsunternehmens Debeka hervorgeht. Eine qualifizierte zeitnahe Behandlung sei essenziell, mahnt die Debeka. Wichtig seien zudem Prävention, Stressbewältigung und Resilienz.

Quelle: www.aerzteblatt.de, Ausgabe 23/2025

Psychische Erkrankungen und Gesellschaft: Die Angst im Alltag

Gesellschaftliche und politische Dauerkrisen sind mitverantwortlich für die Zunahme von depressiven Störungen und Angststörungen. Resiliente Menschen sind besser davor geschützt.

Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen nehmen seit Jahren zu – quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. „Grund dafür sind Dauerkrisen, von der Coronapandemie über wirtschaftliche Unsicherheiten, die Klimakrise bis hin zu militärischen Konflikten“, erklärte Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich, Vertreter der European Depression Association (EDA) in Deutschland, anlässlich des 22. Europäischen Depressiontages am 5. Oktober.

„Jede dritte Person in Deutschland erfüllt im Laufe eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Wir erleben eine stille Epidemie“, sagte Kirsten Kappert-Gonther, Berichterstatterin für seelische Gesundheit von Bündnis 90/Die Grünen. Psychische Erkrankungen verkürzten das Leben um bis zu zehn Jahre. Allein 2023 sind ihr zufolge 10 300 Menschen durch Suizid gestorben – dreimal so viele wie im Straßenverkehr. „Die Angst hat sich in den Alltag der Menschen eingebrannt. Sie fürchten unbezahlbares Wohnen, steigende Lebenshaltungskosten, Trump, Krieg, Extremismus und Naturkatastrophen“, betonte sie.

Kinder und Jugendliche litten besonders, betonte sie mit Verweis auf die Lancet Psychiatry Commission, die von einer „Global Youth Mental Health Crisis“ spricht. „Wenn unsere Kinder mit Angst statt mit Hoffnung aufwachsen, ist das eine Gefahr für ihre Zukunft – und für unsere Demokratie“, mahnte die Politikerin. Sie wies insbesondere auf peripartale Depressionen hin, die ihr zufolge bis zu 20 Prozent der Mütter betreffen, und eine der häufigsten Komplikationen rund um die Geburt sind. „Trotzdem fehlt es an ausreichenden Versorgungsstrukturen. Wir brauchen verbindliche Screeningprogramme und gesicherte Behandlungsangebote“, forderte Kappert-Gonther.

„Die Menschen fürchten unbezahlbares Wohnen, steigende Lebenshaltungskosten, Trump, Krieg, Extremismus und Naturkatastrophen.“

Kirsten Kappert-Gonther, Berichterstatterin für seelische Gesundheit, Grüne

Für die Früherkennung von Depressionen ständen die Hausärztinnen und Hausärzte zur Verfügung, betonte Dr. med. Ilka Aden, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Zusatzqualifikationen Psychotherapie. „Viele depressive Menschen können ihre Lage nicht in Worte fassen. Sie kommen mit Rückenschmerzen, mit Schlafstörungen, mit Herzrasen.“ Hausärzte seien flächendeckend verfügbar, breit ausgebildet und vertraut mit den biografischen, sozialen und familiären Kontexten ihrer Patientinnen und Patienten. Das mache sie besonders geeignet für die Erstdiagnostik von Depressionen – und für die Koordination weiterführender Hilfen, so Aden.

Wechselspiel von Belastungsfaktoren

Im Team mit Medizinischen Fachangestellten (MFA), die oft als erste Veränderungen wahrnehmen, gelinge es, Betroffene früh zu identifizieren und kontinuierlich zu begleiten, betonte Aden. „Insbesondere bei akuten Verschlimmerungen in suizidalen Krisen sind Hausarztpraxen und ihre speziell ausgebildeten Teams für die Betroffenen da.“

Aus wissenschaftlicher Perspektive berichtete Prof. Dr. med. Alexander Karabatsiakis, Repräsentant der EDA in Österreich, dass Grundlagenwissenschaft und klinische Forschung sich mittlerweile einig seien, dass es nicht „den einen“ Faktor für das Auftreten einer Depression gibt. „Vielmehr sind das Entstehen und die Manifestation einer Depression bedingt durch die Chronizität des Wechselspiels von psychischen, biologischen und sozialen Belastungsfaktoren“, sagte er. Diagnostik und Versorgung von Depression nehmen ihm zufolge dabei immer stärker individuelle Aspekte wie psychische Belastungen, chronischen oder traumatischen Stress oder auch Persönlichkeitsmerkmale wie Neurotizismus in den Blick. Aktuell steige die Stressbelastung in der Gesellschaft an, auch durch ständige Erreichbarkeit im Beruf, betonte Karabatsiakis. Frauen gäben mehr Belastungen an als Männer. Die gute Nachricht sei: „Menschen mit hoher Resilienz nehmen Stress als weniger bedrohlich wahr, Resilienz kann die Stressbelastung abpuffern und das Risiko für Depression senken“, so der Arzt. Entsprechend könne gegengesteuert werden: Regeneratives Stressmanagement durch Sport, Hobbys und soziale Kontakte sei hilfreich. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Resilienz vor allem durch die Förderung ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden, forderte er. Entsprechende Programme in Kitas und Schulen müssten stärker gefördert werden.

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 11/2025

Krieg und Flucht: Millionen Kinder brauchen psychische Hilfe

Immer mehr Kinder brauchen psychosoziale Unterstützung – doch nur ein Bruchteil bekommt sie: Zum Welttag der psychischen Gesundheit ziehen Hilfsorganisationen diese alarmierende Bilanz. „In Krisenregionen ist der Zugang zu psychischen Gesundheitsdiensten oft extrem unzureichend“, erklärten die SOS-Kinderdörfer in München. Sprecher Boris Breyer rief die Weltgemeinschaft zum Handeln auf.

„Die Gewalterfahrungen, denen Kinder im Krieg ausgesetzt sind, stehen in drastischem Gegensatz zu ihrem Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit und Entfaltung“, erklärte der Experte. Er verwies auf Zahlen der Vereinten Nationen, nach denen rund 473 Millionen Kinder von Kriegen und Konflikten betroffen sind. Die Folgen seien Angststörungen, anhaltendes Weinen, sozialer Rückzug oder auch aggressives Verhalten. Wenn betroffene Kinder eine Entwicklungsstörung erlitten, erhöhe dies zudem das Risiko für langfristige psychische Beeinträchtigungen. Auch die Zahl der vertriebenen Kinder hat sich laut UN in den vergangenen 14 Jahren weltweit fast verdreifacht. Ende 2024 waren demnach knapp 50 Millionen Kinder auf der Flucht.

Die SOS-Kinderdörfer zitieren Studien, aus denen Zahlen zu Erkrankungen hervorgehen: So liege bei geflüchteten Kindern und Jugendlichen der Anteil der von einer posttraumatischen Belastungsstörung Betroffenen bei knapp 23 Prozent; rund 16 Prozent litten unter einer Angststörung und 14 Prozent unter Depressionen.

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 11/2025

Cannabiskonsum: Rückgang bei Minderjährigen, Zunahme bei jungen Erwachsenen

Junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren konsumieren offenbar mehr Cannabis als vor zehn Jahren. Bei einer Befragung des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) gaben 31,6 Prozent der jungen Männer an, mindestens einmal innerhalb des vergangenen Jahres Cannabis konsumiert zu haben. 2015 hatte der Anteil noch bei 20,6 Prozent gelegen. Bei jungen Frauen stieg der Anteil innerhalb von zehn Jahren von 9,7 auf 18,8 Prozent.

Bei Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren verringerte sich der Konsum etwas. 2015 gaben 6,3 Prozent der Mädchen und 8,1 Prozent der Jungen an, Cannabis konsumiert zu haben. 2025 waren es 4,6 beziehungsweise 7,2 Prozent. 6,2 Prozent der Mädchen und 8,5 Prozent der Jungen gaben bei der diesjährigen Befragung zudem an, schon einmal im Leben Cannabis konsumiert zu haben. 2015 waren das noch 8,2 und 11,2 Prozent gewesen, also vor allem bei den Jungen deutlich mehr.

Anders sah es bei jungen Erwachsenen aus. Hier stieg der Anteil derer, die im Lauf ihres Lebens einmal konsumierten, deutlich an. 2015 waren es 26,6 Prozent der jungen Frauen und 41,9 Prozent der jungen Männer gewesen. In diesem Jahr lag der Anteil bei 40,6 beziehungsweise 54,5 Prozent.

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 10/2025

Internet und soziale Medien: Kinder auch im Netz schützen

Kinder und Jugendliche machen im Internet und dort vor allem in den sozialen Medien Erfahrungen, die sie überfordern und traumatisieren. Denn nirgendwo sonst werden die Konflikte, Krisen und Kriege dieser Welt, Gewalt und sexuelle Gewalt, so toxisch verbreitet wie im Internet. Mobbing, Cybergrooming und Sextortion nehmen aktuell exponentiell zu und können bis zum Suizid führen, berichtete vor Kurzem die Unabhängige Beauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus. Kinder und Jugendliche müssen deshalb viel stärker vor den Gefahren im Netz geschützt werden als es derzeit geschieht, forderte sie. Von einer „Pandemie sexueller Traumatisierung“ spricht zudem der Sexualmediziner Prof. Dr. med. Klaus M. Beier, der Menschen mit pädophilen Neigungen therapiert, in einem Interview mit PP (siehe Seite 453). Er sieht nicht nur die Zunahme von Missbrauchsabbildungen, sondern definierbar Verursacher, Opfer und Übertragungswege – und zwar als globales Problem, wie bei einer Pandemie. Die Opferzahlen liegen nach WHO-Schätzungen weltweit bei einem von fünf Mädchen und einem von 13 Jungen. Das rechnet sich hoch auf 400 Millionen Betroffene. Deshalb muss dringend gegengesteuert werden, das heißt die Erreichbarkeit von Missbrauchsabbildungen mittels Künstlicher Intelligenz eingedämmt und internationale rechtspolitische Maßnahmen ergriffen werden.

Gleichzeitig müssen Kinder und Jugendliche präventiv viel stärker vor den Gefahren im Netz und auch vor der suchtfördernden Wirkung von sozialen Medien und Spielen geschützt werden. Sie sind viel zu sehr auf sich alleine gestellt im Netz. Eine Kontrolle der Aktivitäten auf dem Handy oder Tablet ihrer Kinder ist für Eltern fast unmöglich. Bei Konflikten um die Zeit, die das Kind mit den Geräten verbringen darf, geben viele nach oder sogar auf. Ganz abgesehen von denjenigen Eltern, die schon ihrem Kitakind ein Gerät in die Hand drücken, um ihre Ruhe zu haben.

Nun könnte argumentiert werden, dass der Zusammenhang zwischen Konsum von digitalen Medien und psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen noch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion ist, denn Metaanalysen und Reviews zeigen inkonsistente Ergebnisse. Über Hinweise auf negative Zusammenhänge in Bezug auf Stimmung, Schlaf, Substanzgebrauch, Schulleistungen, Einsamkeit, risikobehaftete Verhaltensweisen und suizidales Verhalten von Heranwachsenden berichten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und -psychiater aber sehr wohl.

Eine gesellschaftliche und politische Debatte über Handyverbote in Schulen und Zugangsbeschränkungen für jüngere Altersgruppen ist begrüßenswerter Weise endlich in Gang gekommen. Aus dem eigenen Umfeld ist zu hören, dass viele Schulen seit dem aktuellen Schuljahr begonnen haben, Handys im Unterricht und auf dem Schulhof zu verbieten. Die Bundesregierung hat gerade eine interdisziplinär besetzte Expertenkommission einberufen, die Vorschläge ausarbeiten soll, wie man Kinder und Jugendliche besser in der digitalen Welt schützen kann. Ergebnisse sollen im nächsten Sommer vorgestellt werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach sich gerade für eine Altersgrenze in den sozialen Medien aus. Sie kündigte an, bis Ende des Jahres eine Expertengruppe damit zu beauftragen, über das beste Vorgehen für Europa zu beraten.

Zum Wohle der psychischen Gesundheit unserer Kinder hätten gegensteuernde Maßnahmen bereits viel früher implementiert werden sollen. Doch besser spät als gar nicht. 

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 10/2025

Burnout-Risiko: Smartwatches als Hilfsmittel

Das Tragen einer Smartwatch mit Zugriff auf persönliche Gesundheitsdaten könnte bei Ärztinnen und Ärzten das Burnoutrisiko verringern und die Resilienz steigern. Das legt zumindest eine randomisierte klinische US-Studie der University of Colorado School of Medicine und der Mayo Clinic nahe. An der Untersuchung nahmen 184 Mediziner teil. Die Probanden erhielten entweder sofort oder erst nach sechs Monaten eine Smartwatch. Erfasst wurden unter anderem Burnout, Resilienz, Lebensqualität, depressive Symptome, Stress und Tagesmüdigkeit mithilfe validierter Skalen. Dabei unterschieden sich die Ausgangswerte zwischen den Gruppen nicht. Nach sechs Monaten litten 35 von 85 Ärztinnen und Ärzten (41,2 Prozent) in der Interventionsgruppe unter einem Burnout, verglichen mit 46 von 91 (50,5 Prozent) in der Kontrollgruppe. Die Forschenden erklären die Wirkung der Smartwatch-basierten Intervention damit, dass der Zugriff auf physiologische Daten wie Schlaf, Aktivitätsniveau und Herzfrequenz „größeres Selbstbewusstsein und Selbstregulation fördern“ könne. Diese Mechanismen, so die Hypothese, könnten adaptive Bewältigungsstrategien fördern und damit das Burnout-Risiko senken.

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 9/2025

Statistisches Bundesamt: Mehr Klinikaufenthalte wegen Essstörung

Immer mehr Mädchen und junge Frauen werden wegen Essstörungen stationär im Krankenhaus behandelt. Ihre Zahl verdoppelte sich nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) binnen 20 Jahren: von 3 000 Patientinnen im Alter zwischen zehn und 17 Jahren im Jahr 2003 auf 6 000 im Jahr 2023. Ihr Anteil an allen Patienten und Patientinnen mit Essstörungen stieg von 23,4 Prozent im Jahr 2003 auf 49,3 Prozent 20 Jahre später. Insgesamt wurden 2023 rund 12 100 Menschen mit der Diagnose im Krankenhaus behandelt – diese Zahl sank im Vergleich zu 2003, damals gab es 12 600 Fälle.

Mit gut drei Vierteln der Fälle wurde 2023 Magersucht (Anorexia Nervosa) am häufigsten diagnostiziert, elf Prozent litten an Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Betroffen sind vor allem Frauen: Ihr Anteil bei den Krankenhausbehandlungen stieg innerhalb von 20 Jahren von 87,6 auf 93,3 Prozent. Die Behandlungsdauer stieg bei Frauen und Männern an: 53,2 Tage dauerte eine Behandlung wegen Essstörung im Jahr 2023 durchschnittlich – der höchste Wert seit 2003, wie das Bundesamt mitteilt. Zum Vergleich: Ein stationärer Krankenhausaufenthalt dauerte im Jahr 2023 durchschnittlich 7,2 Tage.

Die Zahl der Menschen, die an den Folgen einer Essstörung sterben, schwankt den Angaben zufolge von Jahr zu Jahr stark. Im Jahr 2023 waren es 78. Im Jahr 2008 waren 100 Todesfälle auf die Erkrankung zurückgeführt worden, der Höchststand des 20-Jahre-Zeitraums. 

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 9/2025

Gesundheitsreport: Fast zwei Drittel der Schulkinder belastet und einsam

Rund 65 Prozent der 12- bis 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland fühlen sich einer Umfrage zufolge erschöpft, emotional belastet oder einsam. Für den DAK-Präventionsradar hat das IFT-Nord – Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung im Schuljahr 2024/ 2025 mehr als 26 500 Schülerinnen und Schüler der 8. bis 10. Klassen aller Schulformen in 14 Bundesländern befragt. Die Onlinebefragung wird einmal im Jahr im Unterricht durchgeführt.

Etwa jeder sechste junge Mensch ist der Umfrage zufolge traurig oder zeigt andere depressive Symptome – bei den Mädchen mit niedrigem Sozialstatus sind es demnach sogar über 40 Prozent. Auch Einsamkeit ist demnach weiterhin ein großes Thema: 33 Prozent fühlen sich oft allein und haben das Gefühl, keine Freunde zu haben (Vorgängerbefragung: 31 Prozent). Mädchen (41 Prozent) zeigten sich in der Befragung deutlich häufiger betroffen als Jungen (25 Prozent).

Abgefragt wurde in der Studie auch die Gesundheitskompetenz der Schulkinder: 84 Prozent verfügen nur über eine geringe bis moderate Gesundheitskompetenz. Damit gehe ein geringes gesundheitsbewusstes Verhalten in Bezug auf gesundes Essen, ausreichend Schlaf, Sport oder Bewegung einher. Zugleich seien diejenigen ohne ausgeprägte Gesundheitskompetenz häufiger erschöpft, traurig oder einsam. Der soziale Hintergrund wirkt sich deutlich aus: Bei Schulkindern aus Familien mit einem niedrigen Sozialstatus sind es mit zwölf Prozent noch weniger, die über eine hohe Gesundheitskompetenz verfügen. 

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 9/2025

Kinder und Jugendliche: Weiter hohes Niveau bei sexueller Gewalt

Die Zahl sexueller Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche liegt in Deutschland weiterhin auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Darauf haben Bundesinnenministerium, Bundeskriminalamt und die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Kerstin Claus, mit einem jährlichen Lagebild hingewiesen.

Claus warnte: „Im Netz explodiert das Risiko sexualisierter Gewalt. Noch nie war es für Täter so leicht, Kinder zu erreichen.“ In Deutschland bearbeitete die Polizei 2024 laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS), auf deren Basis das Lagebild erstellt wurde, 16 354 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern beziehungsweise 18 497 Betroffenen. 13 365 der Betroffenen waren Mädchen, 4 720 Jungen. In mehr als der Hälfte der Fälle (57 Prozent) bestand zwischen Betroffenen und Tatverdächtigem dem Bericht zufolge nachweislich eine Vorbeziehung. Eltern, Geschwister, Gleichaltrige, Trainer, Nachbarn oder andere Bezugspersonen sind häufig Täter. Registriert wurden 12 368 Tatverdächtige, ein Zuwachs von 3,9 Prozent gegenüber 2023. Die Polizei zählte knapp 1 200 Fälle von sexuellem Missbrauch von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17.

Die Zahlen geben nur Auskunft über das sogenannte Hellfeld, also Fälle, die angezeigt wurden. Schon lange wird darüber diskutiert, wie das „Dunkelfeld“ besser ausgeleuchtet werden kann. Die UBSKM kündigte dazu eine groß angelegte Studie an. Ab 2026 sollen bundesweit Jugendliche in den 9. Klassen nach möglichen Missbrauchserfahrungen befragt werden.

Quelle: www.aerzteblatt.de / PP/ Ausgabe 9/2025

Verbale Gewalt schadet der psychischen Gesundheit von Kindern genauso wie körperliche Gewalt

Verbale Gewalt in der Kindheit kann die zukünftige psychische Gesundheit einer Person genauso stark schädigen wie körperliche Gewalt. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher*innen in einer in der Fachzeitschrift BMJ Open veröffentlichten Studie.

Kinder, die verbale Gewalt erleben, haben eine um 64%, erhöhte die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsener psychische Probleme zu haben, während körperliche Gewalt die Wahrscheinlichkeit um 52% erhöhte, so die britischen Forscher*innen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Personen, die sowohl verbale als auch körperliche Gewalt als Kinder erlitten, ein doppelt so hohes Risiko für psychische Beeinträchtigung im Erwachsenenalter aufweisen.
„Die unmittelbaren Folgen körperlicher Gewalt gegen Kinder sind oft schockierend und haben unmittelbare und lebenslange Auswirkungen auf die Gesundheit der Opfer“, schrieb das Forschungsteam unter der Leitung von Professor Mark Bellis von der Liverpool John Moores University in Großbritannien.

Jedes sechste Kind erlebt körperliche, jedes dritte Kind verbale Misshandlung

„Die Auswirkungen von verbaler Gewalt äußern sich möglicherweise nicht gleich so, dass Umfeld, Ärzt*innen oder Berufsgruppen, die für den Schutz von Kindern verantwortlich sind, aufmerksam werden“, so die Forscher*innen weiter. Doch könnten einige Auswirkungen nicht weniger schädlich sein bzw. sich auch erst längerfristig zeigen.

Weltweit erleidet etwa jedes sechste Kind körperliche Misshandlung durch Familie oder Betreuungspersonen. Dies wird mit Depressionen, Angstzuständen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt und ernsthaften Gesundheitsproblemen im Erwachsenenalter in Verbindung gebracht, so die Expert*innen.

Verbale Misshandlung erzeugt Stress, der die Gehirnentwicklung von Kindern beeinträchtigen kann, erklärten die Wissenschaftler*innen. Darüber hinaus kommt sie häufiger vor: Schätzungsweise jedes dritte Kind ist verbaler Misshandlung ausgesetzt.

Um zu untersuchen, wie sich diese Misshandlung auf die zukünftige psychische Gesundheit von Kindern auswirken könnte, beobachteten das Forscherteam mehr als 20.600 Kinder, die ab den 1950er-Jahren in England und Wales geboren wurden.

Rückgang der körperlichen Gewalt steht Zunahme verbaler Gewalt gegenüber

Die Ergebnisse zeigen, dass die Fälle körperlicher Misshandlung von etwa 20% bei Kindern, die zwischen 1950 und 1979 geboren wurden, auf 10% bei Kindern, die ab 2000 geboren wurden, zurückgingen.
Allerdings hat verbale Gewalt zugenommen: Von etwa 12% bei den vor 1950 geborenen Kindern auf fast 20% bei den ab 2000 Geborenen.

Die Forscher*innen fanden außerdem heraus, dass verbale Gewalt die Psyche ebenso schädigt wie körperliche Gewalt. Etwa 24% der verbal missbrauchten Kinder zeigten als Erwachsene ein geringes psychisches Wohlbefinden, verglichen mit fast 23% der körperlich missbrauchten und 29% der sowohl verbal als auch körperlich missbrauchten Kinder, so die Studie.Im Vergleich dazu hatten nur 16% der Kinder, die keinen Missbrauch erlitten, als Erwachsene ein geringes psychisches Wohlbefinden. Erwachsene mit geringem psychischen Wohlbefinden fühlten sich laut dem britischen Team weniger optimistisch, weniger nützlich, konnten weniger entspannen oder Nähe zu anderen Menschen entwickeln. Sie hatten auch Schwierigkeiten, mit Problemen umzugehen, klar zu denken oder sich eine eigene Meinung zu bilden.

Die Ergebnisse zeigen, dass verbale Gewalt das Wohlbefinden in fast allen Punkten stärker beeinträchtigte als körperliche Gewalt. So erhöhte der Studie zufolge beispielsweise körperliche Misshandlung in der Kindheit die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene sich als Erwachsene anderen nicht nahe fühlen, um 33%, verbale Misshandlungen hingegen um 90%. Erwachsene, die als Kind sowohl verbale als auch körperliche Misshandlungen erlitten hatten, fühlten sich als Erwachsene 2,7-mal häufiger anderen Menschen gar nicht oder selten nahe. 

„Trotz des politischen und öffentlichen Fokus auf körperliche Gewalt und Kindesmissbrauch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass verbaler Kindesmissbrauch ähnliche Folgen für das psychische Wohlbefinden haben kann“, schlussfolgerten die Autor*innen. „Selbst wenn körperliche Misshandlungen Teil der Kindheitserfahrungen der Betroffenen sind, sind diejenigen, die auch verbale Misshandlungen erfahren, einem zusätzlichen Risiko ausgesetzt.“

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de vom 03.11.2025